Panik in 10’000 Metern Höhe

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Anfangs glaubte ich ja, dass die zwei Cüpli zum Business-Class Frühstück mich halluzinieren liessen. Aber am Schluss lag er tatsächlich gefesselt und durch eine Beruhigungsspritze betäubt direkt am Boden vor mir. Immerhin stanken seine Socken nicht.

Zuerst war der arabisch ausschauende Mann durchs Flugzeug gerannt und hatte die Türe bei den Flügeln zu öffnen versucht. Ohne Erfolg. Also rannte er nach vorn, bereits in Begleitung eines stämmigen Mannes, der ihn zu bändigen versuchte. Schnell realisierte er, dass er auch die vordere Türe nicht öffnen konnte und wollte wieder nach hinten entfliehen, woran er durch bald vier Männer gehindert wurde – direkt neben meinem Sitzplatz. Es entfachte sich ein Gerangel und allmählich verliess mich die Contenance und ich liess mein Buch sinken. Merde.

Naja, ganz so schlimm wars ja nicht. Das Buch war durchaus spannend, aber inzwischen drückten sie ihn zu Boden, jemand stand auf seinen Beinen, auch nicht ohne. Bloss, dass einer mir seinen halb entblössten Hintern entgegenstreckte fand ich echt unangenehm. So Maurerdecolletée. Keine Ahnung wie man das schreibt. Wie so ein entblösster Busen einer nicht mehr ganz so jungen Nichtschönheit. Wo man irgendwie hinguckt und es einen dann doch mehr ekelt, aber weggucken geht auch nicht. Widerlich.

Und ich fragte mich, warum. Also normalerweise halten so Hosen ja. Wenn man einen Gurt trägt. Und der Gurt von dem, so wurde mir allmählich klar, der war nicht am Morgen beim Anziehen vergessen gegangen (der Flug startete allzu früh), sondern zierte inzwischen die Beine des wild gewordenen Mannes. Der nun „I will die“ und dann immer und immer wieder „I am dead“ zu schreien begann. Was einer gewissen Ironie nicht entbehrte, da er sich weiter mit allen Kräften wehrte. Die Beruhigungspille spuckte er angewidert aus, weshalb nun eine Spritze aufblitzte – und kurz darauf war Ruhe im Karton.

Etwas später meldete sich der Pilot. Die Stimme als ob er gleich die Wetterprognose verkünden würde. No attack on the cockpit, medical problem, blabla, epileptischer Anfall. Und ich dachte mir: ne. Auch wenn inzwischen zwei Ärzte den Bewusstlosen beobachteten: das war kein epileptischer Anfall, das war ne verdammte, ausgewachsene Panikattacke. Das war mein Horrorszenario mit dem ich immer wieder gerechnet hatte. Mit mir als Opfer.

Panikattacken sind fies. Sie spiegeln einem vor, durchgedreht zu sein, die Kontrolle zu verlieren, es nicht mehr auszuhalten, der aktuellen Situation reflexartig entfliehen zu müssen, zu sterben oder gar tot zu sein. Sie lassen einen ausflippen, die Contenance verlieren, durchdrehen. Sie bringen einen dazu, den nächsten Ausgang zu nehmen und lieber aus dem 20. Stock runterzuspringen als dieses Gefühl länger auszuhalten. Bloss ist das in einem Flugzeug in 10’000 Metern Höhe ohne Sprengstoff kaum möglich. Und Sprengstoff hatte er zum Glück nicht dabei.

Während der eine während einer Panikattacke ruhig wird, höchstens innerlich zu wimmern beginnt, kaum noch ansprechbar ist und nur noch darauf fokussiert ist, die Beherrschung nicht zu verlieren, nicht durchzudrehen, nichts Dummes zu tun, verliert der andere die Beherrschung, dreht durch und tut Dummes. Wird wild. Kämpft. Lässt sich nicht von aussen beruhigen. Wird zum Tier. Ist bereit, zu töten. Hauptsache, er entflieht der Situation. Denn die Panik, die Panik lässt sich nicht aushalten.

Es ist heiss. Schwülheiss. Als ich das Flugzeug verlasse. Auf dem normalen Weg. Zu Fuss. Während der herausgetragen wird. Was irgendwie gemein ist. Ich hatte Business gezahlt und er nicht. Und er durfte sogar in der Business Class am Boden liegen und wurde dann hinausgetragen. Andererseits. Eben. Lieber heiss als Krankenhaus. Mit dem Taxi in die Stadt, der Taxifahrer drückt mir sein Telefon in die Hand, „judge“. Ich bin etwas irritiert. Also, die haben mich ins Land reingelassen, warum in aller Welt soll ich jetzt mit einem „judge“ reden. Das Telefon tutet, ich rufe jemanden an, habe aber keine Ahnung, wen. Zum Glück spricht George gut englisch und hat Humor. Der Code zu meiner Wohnung lautet 0704 und die Wohnung ist in einer Stunde bereit. Cool.

Ich hatte gehofft, dass sie sich nicht im obersten Stockwerk befindet. Weil wegen. Aber ich hätte es ahnen können: 0704 ist nicht nur der Code zum mit 704 angeschriebenen Schlüsselkasten, sondern bezeichnet auch die Zimmernummer: 704. Ganz oben. Eine Stunde später ist der Schlüssel nicht im Kasten und ich gehe mir eine Cola Zero kaufen. Dann ruft George an, er sei vor dem Gebäude. Und ich bin gar nicht nur unglücklich, als er mir mitteilt, dass die 704 bereits an 4 junge Damen aus Schweden vergeben ist und ich stattdessen – die 705 kriege. Naja.

Wohl die Wohnung, die auf meinem liebsten Hotel-Buchungs-Portal zur einzigen negativen Bewertung geführt hat. Aber kämpfen mag ich nicht mehr. Der Tag war lang und 705 was 704. Einfach ohne hübsche Schwedinnen. Und zum Runterspringen bin ich eh zu müde und die beste Therapie besteht darin, sich der Situation auszusetzen. Einfach ohne runterzuspringen. Was einfacher gesagt als getan ist, wie mir seit heute noch klarer ist. Merde.

Etwas später sitze ich in einer netten Strandbar, einen Mojito und mein Buch vor mir. Über den Brexit. Fast schon ein Krimi. Ein Buch über die Sonderbarkeiten von Menschen, über Situationen, die Panik hervorrufen sollten und es seltsamerweise nicht tun. Panik ist absurd. Irrational. Unverständlich. Genau wie der durchschnittliche Brexit-Befürworter. Die rennen in vollem Tempo auf die Klippe zu und ignorieren jede Warnung. Und sind dabei genauso Gefühl getrieben wie der Mann im Flugzeug. Einfach umgekehrt. Irgendwie.

Neben mir sitzen drei junge Frauen. Nicht vier. Und nicht wirklich aus Schweden. Zumindest nicht so typische Schwedinnen. So blond und blaue Augen und Decolletées als wäre der Herrgott denen direkt zu Hilfe geeilt. Aber ein sabbernder Herrgott ist weit und breit nicht zu sehen.

Und dann passiert es. Die Eine im roten Kleid erhebt sich und schreitet langsam in Richtung Meer. Wie Aphrodite. Oder ne, die kam glaub aus dem Meer. Aber die schreitet da ins Wasser. Und schreitet ins Wasser. Und schreitet ins Wasser. Und schreitet – übers Wasser. Sie schwebt. Sie geht weiter und weiter, ohne dass sie das Meer verschluckt. Und ich frage mich allmählich, ob ich Alkohol einfach nicht vertrage.

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One Reply to “Panik in 10’000 Metern Höhe”

  1. Ich sage: herrlich süffisant. Liest sich wie ein Krimi. Etwas schmuddelig, gefällt mir! Ich freue mich auf weitere Texte, Herr Reysen!

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