Der ganz grosse Blues

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„Wer eine Brille trug, wurde beschuldigt, im kapitalistischen Sinne hübsch aussehen zu wollen. Und wer hübsch sein wollte, galt als faul und musste bestraft werden.“ (Lorenz, Erich. Lesereise nach Kambodscha. Wien 2015)

Ich war so stolz gewesen! Endlich hatte ich mal nicht verarschen lassen und ein TukTuk fernab der Touristenwelten genommen, das mich zu einem unfassbar günstigen Preis zu den Killing Fields fuhr. Die Frage „nur hin“? hatte mich zwar etwas stutzig gemacht, doch erst beim Warten auf die Mahlzeit nach dem unglaublich beeindruckenden Besuch der Denkstätte wurde mir die Problematik bewusst: wie komme ich von hier wieder zurück? Denn offenbar war es hier üblich, das TukTuk inkl. Fahrer warten zu lassen und mit dem gleichen Fahrzeug wieder zurückzufahren. Ich wurde unruhig, das Essen kam und kam nicht und ich versteigerte mich in Fantasien, das Ende meiner Tage hier verbringen zu müssen, da alle TukTuk vollbesetzt und ohne mich zurückfahren würden.

Es ist erstaunlich, wie einen banale Probleme durchaus beschäftigen können. Und ich war unendlich erleichtert für den lächerlichen Aufpreis von 5$ eine Rückfahrgelegenheit zu finden – und die leuchtenden Augen des TukTuk-Fahrers, als er den Betrag in Händen hielt versöhnte mich endgültig. Ja, das sind Probleme, wenn man keine wahren Probleme hat.

Am Tag zuvor war ich im Foltergefängnis S21 in Phnom Penh gewesen. Viel hatte ich davon gelesen und doch war es einmal mehr schockierend zu sehen, wie herzlos Menschen gegenüber anderen Menschen sein können. Ob Brille, Fremdsprachenkenntnis oder das Stibitzen einer Mango – in S21 wurden Tausende Unschuldiger eingesperrt, gefoltert und danach getötet. Begründet wurde dies mit Ideologie: um das „Paradies auf Erden“ errichten zu können müsse ein neuer Mensch „geschaffen“ werden. Wer also noch dem „alten“, „kapitalistischen“ Denken anhing müsse eliminiert werden.

Auf diesem Gedankengang basieren letztlich die meisten politischen Ideologien: das momentane System ist „böse“ und wir, die wir die Wahrheit kennen, werden eine neue viel „bessere“ Welt aufbauen. ein „Paradies auf Erden“. Nach der meist gewaltsamen Machtübernahme macht man sich dann daran, dieses neue System zu errichten – was wenig erstaunlich nicht wirklich klappen will. Denn die Ideologie funktioniert nicht. Anstatt jetzt aber Fehler einzugestehen, wird versucht, die Realität der Ideologie anzupassen: die Ideologie würde angeblich schon funktionieren, wenn da nicht diese „bösen“ Menschen wären, die den Aufbau des Neuen sabotierten. Und diese müssten nun gefunden und ausgemerzt werden.

Ein weiterer Gedankengang passt zumindest für die meisten Ideologien: es gibt eine Instanz, die unfehlbar ist. Beim Sozialismus ist es wohl ohne Ausnahme eine Partei mit einem allwissenden Führer, beim Islamismus wird die „Wahrheit“ angeblich direkt von Gott abgeleitet.

In Kambodscha hatten im April 1975 die kommunistischen Roten Khmer die Macht übernommen. Unter dem Namen „Angka“ oder „Angkar“ („Organisation“) errichteten sie eine bis dahin ungekannte Parteiendiktatur. Angkar wurde als für unfehlbar und quasi göttlich erachtet, Angkar sollte alles unterstellt werden. Das Geld wurde abgeschafft, Familien auseinandergerissen, die Städte entvölkert, Menschen zu Zwangsarbeit verpflichtet, alles mit dem Ziel eine neue Gesellschaft unter der Herrschaft Angkars zu errichten. Angkar entschied, Angkar hatte die umfassende Kontrolle.

Unter der Herrschaft der Roten Khmer oder eben Angkars starben in nur 4 Jahren rund 2 Millionen Kambodschaner an Hunger, Folter und vermeidbaren Krankheiten – oder wurden gleich direkt ermordet. Dafür genügte es, etwas Essen zu stibitzen oder sich in irgendeiner Form gegen Angkar zu wenden.

Mit der Zeit wurde Angkar immer paranoider und es wurden überall nur noch Feinde gesehen – auch innerhalb der Organisation. So wurden immer mehr Menschen inhaftiert und ins Foltergefängnis S21 gebracht, wo ihnen unter Folter ein Geständnis erpresst wurde. Ein Entkommen gab es nicht, da mit der Inhaftierung auch gleich das Urteil gefällt wurde: da Angkar angeblich unfehlbar war, konnte niemand unschuldig in S21 landen. Da die Inhaftierten in der Regel aber nicht wussten, wessen Verbrechen sie sich schuldig gemacht haben sollten (und auch keines begangen hatten), wurde so lange gefoltert bis sie ein Geständnis abgelegt hatten.

Ein Entlassung war nun natürlich ebenfalls nicht möglich, da sie ja scheinbar ihre Schuld bezeugt hatten, weshalb sie nach dem Geständnis mit Vorspiegelung falscher Tatsachen auf die „Killing Fields“ in Choeung Ek, 15 Kilometer ausserhalb Phnom Pens gebracht wurden. Dort wurden sie zu Massengräbern geführt und meist erschlagen – um Kugeln zu sparen und möglichst wenig Lärm zu machen.

Die vier Jahre Terrorherrschaft hatten Kambodscha verändert. Nachdenklich macht mich der Gedanke, dass alle Menschen über 45 Jahre diese Zeit bewusst erlebt hatten – als Täter oder Opfer. Konnten sich viele Menschen im Deutschland während des Holocaust zumindest vormachen, nichts davon gewusst zu haben, waren in Kambodscha alle beteiligt, da sich der Völkermord und die Herrschaft der Ideologie gegen das eigene Volk gerichtet hatten.

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