Im heiligen Land

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Schnell ist das versalzene Hühnchen vergessen: neben mich setzt sich eine Reisegruppe, die noch bevor sie sich selbst am Buffet bedient ein Lied anstimmt: wohl Christen aus den USA, die sich bei Gott für das Essen bedanken. Wenn die wüssten. Aber vielleicht hat er ja das Essen speziell für mich versalzen, weil ich mich einmal mehr über den Irrsinn von Religion aufgeregt habe.

Dies fällt hier definitiv nicht schwer. Fast jeder und fast jede besitzt hier ein „tag“, ein Zeichen, das die Zugehörigkeit zu einer spezifischen Sekte kundtut. Für mich bleiben es nur unentzifferbare Zeichen wie auch die hier verwendete Schrift für mich unlesbar ist. Auch wenn sie 3000 Jahre alt sein soll, wie mir ein junger, hipper Bursche stolz versichert und er sich damit quasi noch direkt mit seinen damaligen Vorfahren verständigen würde können. Cool. Sollten sie dereinst von den Toten auferstehen oder eine Zeitmaschine entwickelt werden. Oder nein, natürlich alles viel zu kompliziert. Sollte dereinst der Messias darniederkommen und die glücklich Gläubigen wieder vereinen. Dann ist eine gemeinsame Schrift und eine gemeinsame Sprache natürlich schon noch praktisch. Bloss: will ich dann wirklich mit diesen Vollpfosten was zu tun haben – womöglich bis in alle Ewigkeit?

 

 

Der Irrsinn hat das heilige Land fest im Griff. Ich beobachte eine Gruppe junger Männer, die mitten in der heiligsten aller heiligen Städte herumschreien und -jubeln als ob sie besoffen wären. Zumindest. Doch ihre Droge ist die Religion. Sie deklamieren und rezitieren im Dunkeln, sie tanzen und wippen und übersehen die Ironie, dass die ganze absurde Szenerie sich direkt neben einem Storch abspielt, der ein Baby im Schnabel hält. Nun gut, ein Fischbaby. Oder vielleicht auch einfach ein Fisch. Aber so wie manche daran glauben mögen, dass die Kinder vom Storch kommen, scheinen sie zu glauben, dass Donald Trump direkt vom Allmächtigen gesendet worden sei – und ihnen nun ganz Jersualem gehöre. Denn der Storchenbrunnen befindet sich mitten im muslimischen Viertel der Altstadt Jerusalems und der Auftritt der orthodoxen Juden könnte als Kinderei abgetan werden, wenn deswegen nicht tagtäglich Menschen sterben.

 

Vor einem Jahr hatte es deutlich weniger Polizei-/Militärpräsenz in Jerusalem. Die Lage war deutlich entspannter, doch auch jetzt scheint das Leben seinen Gang zu nehmen. Im arabischen Hühnchenrestaurant werde ich wiedererkannt, die Bierverkäuferin erkenne ich wieder, ich fühl mich schon fast wieder etwas wie zuhause, nachdem ich zwei anstrengende Tage in Tel Aviv verbracht hatte.

 

 

Vielleicht war es das Wetter, vielleicht war es mein etwas tollkühner Versuch, den Gazastreifen zumindest mal von aussen zu „besichtigen“, vielleicht war es, weil ich mir eine heftige Erkältung zugezogen hatte. Ich konnte es jedenfalls kaum noch erwarten die Stadt zu verlassen und fühlte mich direkt erleichtert als ich endlich im vollbesetzten Bus Platz nehmen konnte. Um in die Stadt der absolut Irren zu reisen.

Denn Tel Aviv ist eigentlich wirklich cool. Es ist auch ein Spiegel der heterogenen Israelischen Gesellschaft, die „nur“ zu rund 80 Prozent aus Juden aller Nationen besteht. Als ich mich am Nachmittag zuvor erschöpft an der Strandanlage niedergelassen hatte wurden meine Gedanken plötzlich durch ein sehr lautes „Allahu akbar“ zerrissen. Die mit Tel Aviv zusammengewachsene Stadt Jaffa ist muslimisch, was sich auch aufgrund der vielen Kopftüchern erschliessen lässt. Doch Tel Aviv ist auch eine „schwule“ Stadt, eine Stadt voll von Atheisten, Surfern, Hipstern, eine Stadt mit Armut und Obdachlosigkeit, eine Stadt, wo Wolkenkratzer hochgezogen werden und nicht nur die Preise der Mieten explodieren. Und eine Stadt, wo Debitkarten mit sechsstelligen PINs nicht akzeptiert werden. Immer noch besser als Jerusalem, wo sicher zehn Bankautomaten meine Karten verschmähten. Und einen Elften hab ich bislang noch nicht gefunden…

Und so musste ich notgedrungen in die besetzten, umstrittenen oder wie man sie auch immer nennen mag Gebiete ausweichen, nach Palästina. Wo man kaum Geld benötigt, da die Preise noch richtig schön tief sind. Doch davon krieg ich gar nicht so viel mit, da ich mit einer Gruppe reise und die Araber gute Händler sind.

In Ramallah fallen mir die vielen jungen und äusserst attraktiven Frauen auf, die meisten tragen das Kopftuch keck, manche lassen es ganz weg. Im Hintergrund prangt Werbung für Hochzeitskleider, ein Bild erscheint mir erstaunlich erotisch und passt so gar nicht in das konservative Araberbild. Auch sieht man viele neue Autos, ein Mercedes S-Klasse Fahrer legt einen Kavaliersstart hin, Korruption soll ein grosses Problem sein. Gleichwohl erscheint Palästina zumindest auf den ersten Blick nicht besonders arm, der Irrsinn der ganzen Situation wird aber deutlich, wenn man die Strecke von Ramallah nach Bethlehem auf palästinensisch zurücklegt – ein „Erlebnis“, das einen eigenen Blogeintrag verdient!

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